Unverschwendet – Wie Abfall genussvoll wird

Wenn weggeschmissene Lebensmittel kulinarisch werden

Beim dritten Klingeln hebt sie ab. Draußen ist es schon dunkel, die warme Sommerluft vermischt sich mit den immer kühler werdenden abendlichen Temperaturen. Obwohl sie längst geschlossen haben, ist der Griff zum Telefon wie automatisch. Die Stimme auf der anderen Seite des Hörers kennt sie bereits, vom vergangen Jahr. „Fünf Tonnen? Das ist unmöglich! Wie soll ich das schaffen?“

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Ein Blick hinter die Kulissen bei „unverschwendet“.

Es ist das zweite Jahr in Folge, dass Cornelia Diesenreiter so einen Anruf bekommt. Zum Ende der Badesaison, Mitte September, ist das keine Seltenheit. Besonders dann, wenn sich die Supermärkte mit den noch milden Tagestemperaturen verschätzen und den Bäuerinnen und Bauern 24 Stunden die Ware stornieren dürfen. Dann stehen Bäuerinnen wie Sabine da, mit ihren bereits geernteten Wassermelonen, und wissen nicht wohin, mit dem fruchtigen Gut. „Dabei sind das die süßesten Früchte des Jahres!“, weiß Cormelia Diesenreiter, die auch gelernte Köchin ist. Da die bei uns heimischen Miniwassermelonen bis zu drei Mal im Jahr geerntet werden können, bekommen die Septemberfrüchte am meisten burgenländische Sonne ab und sind dadurch die saftigsten Durstlöscher.

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300 Kilo übriggebliebene Wassermelonen.

Für Supermärkte ist die Hochsaison der Wassermelone zu diesem Zeitpunkt, nach den typischen Sommermonaten, schon vorbei. Aus Angst vor zu großen Verlusten, wenn es draußen wieder kühler wird. Das Wetter hatte plötzlich umgeschlagen, und der Anruf kam prompt. „Cornelia, wenn du dir die Wassermelonen abholen möchtest, kannst du das bis morgen machen. Ansonsten müssen wir die Früchte leider wegwerfen, wir können nicht so viele Tonnen hier lagern“, tönt es aus den Telefonsprechern. Die 30-jährige Oberösterreicherin hat das Handy zur Seite gelegt und versucht in ihrem Kalender ihre Termine zu verschieben. „Fünf Tonnen schaffe ich wirklich nicht, aber ich komme morgen vorbei und hole so viel ab, wie ich kann!“

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Darum werfen wir zuhause Lebensmittel in den Müll

Cornelia Diesenreiter ist nicht die einzige, die sich mit den Folgen der österreichischen Lebensmittelverschwendung auseinandersetzt. Laut der aktuellen Studie des Ökologie-Instituts landen jährlich 760.000 Tonnen Lebensmittel im Müll. Mindestens die Hälfte davon sei vermeidbar. Die standardisierten Normen in den Supermärkten machen es für einen Teil der Ernte nicht möglich, überhaupt erst das Feld zu verlassen. Krumme Karotten, zu kleine Kürbisse, zu rote Tomaten. Sie werden aussortiert, noch bevor die Kundschaft jemals mit ihnen in Kontakt kommt.

Doch auch in der Weiterverarbeitung und im Handel vor Ort werden Lebensmittel weggeworfen, die den Qualitätskriterien der Abnehmer nicht entsprechen oder schlichtweg nicht mehr gebraucht werden. Cornelia Diesenreiter kennt diese Situation allzu gut. Sie wird nicht nur von Bäuerinnen und Bauern angerufen, sondern auch von Verantwortlichen von großen Veranstaltungen. „Wie letztens, da sind nach einer Tagung 70 Kilo Äpfel übriggeblieben. Vor zwei Jahren wären sie noch weggeworfen werden, diesmal konnten wir sie retten!“, freut sie sich. Cornelia Diesenreiter hat sich 2016 selbstständig gemacht und betreibt seither ihren Shop am Schwendermarkt.

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Beim Einsteigen ins Auto weiß Cornelia noch nicht, was sie nun mit all diesen Wassermelonen machen soll. Seit sie den kleinen Stand am Schwendermarkt ihr Eigen nennt, lagert sie dort die Lebensmittel, die sie von Landwirten bekommt. Oft wird sie so plötzlich angerufen wie gestern Abend, und auf einmal hat sie fünfzig Kilo gespendeter Äpfel in ihrer kleinen Küche stehen. Oder 300 Kilogramm frische Wassermelonen, wie jetzt. „Dass sich da überhaupt so viel ausgeht!“, lacht sie, und weiß, dass das eigentlich nur ein kleiner Teil der Ernte ist, den sie jetzt mitnimmt.

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Das Auto von Cornelia Diesenreiser, gefüllt mit kiloweise Wassermelonen.

Pro Woche kommen drei Tonnen der südländischen Früchte zusammen, und wenn es keine Abnehmer gibt, landen sie im Müll. Die Liebe zur Natur und der Frust über die unnötige Lebensmittelverschwendung haben die Unternehmerin dort hingebracht, wo sie gerade ist. Der Gedanke der Nachhaltigkeit prägte bereits ihr Studium “Umwelt- und Bioressourcenmanagement” an der BOKU in Wien, danach folgte die Spezialisierung in England in “Design und Innovation for Sustainability”. Zurück in Wien fand die ambitionierte Oberösterreicherin den Lösungsansatz, um Nahrungsmittelverluste zu verhindern. Sie gründete „unverschwendet“, die kulinarische Antwort auf qualitativ hochwertige Ware, die nicht im Müll landen sollte.

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Die Welternähungsorganisation schätzt, dass ein Drittel der weltweit genießbaren Bestandteile im Abfall landen. Allein in der Europäischen Union sind das jährlich 88 Millionen Tonnen weggeworfene Güter, und mehr als die Hälfte davon gehen auf das Konto des privaten Haushaltes.

Und einmal zuhause angekommen?

Da landet im Durchschnitt ein Viertel der eingekauften Lebensmittel wieder im Müll. Mit der Frage nach dem Warum hat sich Gudrun Obersteiner, Expertin für Abfallwirtschaft an der BOKU, beschäftigt. „Die fehlende Einkaufsplanung und das Unwissen, dass mit Mindesthaltbarkeitsdatum nicht mit Verfallsdatum gleichzusetzen ist, sind die größten Faktoren.“ Zusätzlich würden vor allem angebrochene Lebensmittel und Zubereitungsreste im Abfall landen. Was man mit ihnen machen kann? Dieses interaktive Video gibt alltagstaugliche Einblicke.

https://video.helloeko.com/v/M4PrxM?publisherID=BbraRW

Zwei harte Semmeln wegwerfen, die von der 10er-Packung übrig geblieben sind? Die Schalen der Kartoffeln in den Biomüll schmeißen? Den Kaffeesud sofort in den Mist befördern? Oder zu viel Käse gekauft, den man doch nicht für die Pizza braucht? Wenn es nach Helene Pattermann, der Gründerin von Zero Waste Austria geht, bedeutet aktive Abfallvermeidung vor allem die Wiederverwertung von Gütern und Materialien. „Wenn wir weniger konsumieren, machen wir weniger Müll. Punkt“, lautet einer ihrer wichtigsten Schritte, mit denen sie versucht, möglichst jeden Müll in ihrem Leben zu vermeiden. Dabei beschränkt sie sich nicht auf die Verschwendung von Nahrungsmitteln, sondern auch auf deren Verpackung. Denn wer in herkömmlichen Supermärkten einkauft, zahlt die Schalen, Päckchen und Plastikhüllen mit. Nur um sie zuhause wieder in den Müll zu werfen.

Wie man aus diesem Kreislauf aussteigt, hat bereits letztes Jahr eine junge Frau bewiesen. Sie setzte sich das Ziel, ein ganzes Jahr möglichst keinen Müll zu produzieren, regional auf Märkten einzukaufen, das zu verbrauchen, was schon angebrochenen ist. Und siehe da: Auf ihrem Blog „Ein Jahr im Glas“ hielt sie ihren Erfolg fest. Annemarie schaffte es, den Restmüll eines ganzen Jahres in ein Einmachglas zu stecken. Ein belohnenswerter Erfolg, wenn man bedenkt, dass jährlich pro Person 173 Kilo Lebensmittelabfall in der EU anfallen.

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Um möglichst wenig Zeit zu verschwenden, hat Cornelia ihre Küche optimal auf solche Geschehnisse vorbereitet. Die offenen Regale geben einen Einblick in die bunte Gewürzwelt, die sie in ihren selbstkreierten Rezepten verwendet. Zwischen roten und gelben Döschen sind handgeschriebene Notizen.

Die Luft riecht nach einer Mischung aus Kirsche und Apfel, während sich eine Nuance von Lavendel im Raum bewegt. Sie trägt bereits zum siebten Mal die Wassermelonen von ihrem Auto in ihren Stand; in jeder Hand hält sie eine, während eine dritte gefährlich obendrauf balanciert. In der Hoffnung nach einer blitzartigen Idee sortiert sie die frischen Früchte übereinander, und die ohnehin beschauliche Küche wird mit jeder Runde etwas enger. Bis ein Mann hinter ihr steht, der Bart etwas mehr als drei Tage alt, mit einem Apfel in der Hand. „Lass uns Feierabend machen!“, grinst er sie an und hält einen Gin in der Hand, eines ihrer Lieblingsgetränke.

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Eines von vielen kulinarischen Köstlichkeiten im „unverschwendet“-Geschäft beim Schwendermarkt.

Ein Blick in die Regale verrät, dass die Köchin kulinarische Experimente liebt. Karamellisierte Birnen, grüne Tomatenchutneys und süßer Kürbisaufstrich gehören hier zum Standardprogramm. „Damit man mit Genuss auch Menschen anspricht, die sonst wenig mit Lebensmittelrettung zu tun haben“, erklärt ihr Bruder Andreas, mit dem sie zusammen das Startup so erfolgreich macht.

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Cornelia und Andreas Diesenreiter in ihrem Geschäft.

„Das wäre es doch!“, ruft sie ihm zu. „Lass uns die Wassermelonen pürieren! Etwas Zucker, Limette und Pfeffer hinzufügen, bis die perfekte Cocktailmischung entsteht.“ Mit einem Lächeln dreht sie sich um und beginnt, die Wassermelonen zu entkernen.

©  Copyright: Anastasia Lopez

(Text, Fotos, interaktives Video, Grafiken)

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